Erlangen, 23. Juli 2008
Das Uniklinikum Erlangen stellte gestern der Presse eine aktuelle Kaufsucht-Studie vor: Mit einer speziellen Therapie konnte jeder zweite Patient das exzessive Kaufverhalten in den Griff bekommen.
„Mit unserer Studie konnten wir in Deutschland erstmals eine wirksame Therapie gegen Kaufsucht wissenschaftlich nachweisen“, sagte Studienleiterin Dr. Astrid Müller aus der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen.
Das an der University of North Dakota (USA) entwickelte und in Erlangen erstmals für Deutschland umfassend getestete ambulante Gruppen-Therapiemodell wurde von November 2003 bis Mai 2007 an insgesamt 51 Frauen und 9 Männern im Alter zwischen 20 und 61 Jahren angewendet. Um den Erfolg der Therapie nachzuweisen, nahmen die Patienten an Fragebogenuntersuchungen und psychologischen Interviews teil.
Der kulturspezifische Verhaltensexzess „pathologisches Kaufen“ (Kaufsucht) ist meistens ein langjähriges, heimliches Leiden, das bei den Betroffenen und ihren Angehörigen zu einem enormen Leidensdruck führt. Die meisten Betroffenen leiden zusätzlich unter Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Alkoholmissbrauch, Essstörungen und Impulskontrollstörungen. „Obwohl in den alten Bundesländern rund acht Prozent und in den neuen Bundesländern sechs Prozent der Bürger als „stark kaufsuchtgefährdet“ eingestuft werden können, wird das Problem immer noch übersehen oder bagatellisiert“, sagte Dr. Müller. Studien würden zeigen, dass prinzipiell alle Bevölkerungs- und Einkommensschichten betroffen sind. Jüngere Menschen scheinen gefährdeter zu sein als ältere, Frauen eher als Männer. In Deutschland habe es bis jetzt keine einzige Therapiestudie zu diesem Thema gegeben. „Angesichts der stark wachsenden Kaufsuchtgefährdung in Deutschland müssen dringend wirksame Behandlungsangebote angeboten werden“, forderte die Erlanger Psychologin.
Das Spektrum der Kaufsucht sei weit gestreut
Betroffene hätten von täglichen Kaufattacken, vom Kauf ganz spezieller oder mehrfach gleicher Artikel oder nutzloser, unsinniger Dinge berichtet. Generell würden kaufsüchtige Frauen eher Kleidung, Schuhe, Kosmetik, Lebensmittel und Haushaltsgeräte favorisieren. Männer hingegen eher moderne Technikartikel, Sportgeräte, Autozubehör und Antiquitäten. Meistens würden die gekauften Dinge nicht benutzt, sondern gehortet oder an nahe Bezugspersonen verschenkt oder einfach vergessen werden. „In der Regel geht es um das Lusterleben während des Kaufaktes. Schon beim Bezahlen treten schlechtes Gewissen und Schuldgefühle auf. Die Betroffenen können sich nach dem Kauf meistens nicht mehr über die erstandenen Waren freuen. Manchmal scheinen die Betroffenen auch die durch Kaufsituationen entstandenen Kontakte zum Verkaufspersonal zu genießen“, erläuterte Dr. Müller. Die exzessiven, unangemessenen Einkäufe führen zu immensen Schulden und oft sogar zu Strafverfahren.
Ab Herbst 2008 wird eine neue Therapiegruppe am Uni-Klinikum Erlangen angeboten. Weiterbildungsangebote für ambulante Therapeuten sind ebenfalls in Planung. Eine Selbsthilfegruppe wurde in Fürth gegründet. Weitere Infos:
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