Hannover, 16. Juli 2007

Rund 250 Teilnehmer besuchten am 12. Juli 2007 in Hannover die Veranstaltung „Sprachentwicklungsstörungen und ihre Therapie“.
Eingeladen hatten die Akademie für Sozialmedizin Hannover und der IKK-Landesverband-Nord. Dessen Vorstandsvorsitzender Wolfgang Krause machte in seinem Eingangsstatement auf erhebliche Ausgabensteigerungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in den logopädischen Verordnungen in den vergangenen vier Jahren aufmerksam. Als „Familienkasse“ widme sich die IKK Niedersachsen diesem Thema besonders. „Zusammen mit den eingeladenen Experten wollen wir der Frage nachgehen, ob die Beitragsgelder für sprachtherapeutische Maßnahmen richtig eingesetzt werden. Dabei interessiert uns unter anderem, ob mit Sprachstandserhebungen die richtigen Kinder erkannt werden und die Maßnahmen geeignet sind“, sagte Krause. Tagungsleiter Prof. Dr. Gerd Glaeske, Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, stellte den Zusammenhang zwischen Sprachauffälligkeiten von Kindern und dem Bildungs- bzw. Einkommensstatus ihrer Eltern dar. Sprachentwicklungsstörungen von Kindern seien häufiger bei sozial benachteiligten Schichten anzutreffen.
Sprache ermöglicht Teilhabe
Nach einer aktuellen Sprachstandsfeststellung in Nordrhein-Westfalen haben knapp ein Viertel aller Vierjährigen Sprachentwicklungsverzögerungen. Das Problem fängt jedoch viel früher an und ist vor allem bei Jungen festzustellen. Spracherwerb ist eine der zentralen Entwicklungsaufgabe, die ein Kind in den ersten Lebensjahren bewältigen muss. Ein Kind, das in seiner sprachlichen Entwicklung verzögert ist, ist nicht nur in seiner Kommunikation mit anderen Menschen eingeschränkt, sondern in der Teilhabe am sozialen und beruflichen Erfolg benachteiligt. Passend dazu zitierte Dr. Angelika Schammert-Prenzler, Fachausschuss Kinder- und Jugendgesundheit der Region Hannover, den Ausspruch von L. Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“
Diagnose kommt zu spät
Experten und Teilnehmer der Veranstaltung waren sich darin einig, dass in der Regel zu spät identifiziert und therapiert wird. Die meisten Kinder werden erst gegen Ende der Vorschulzeit beim Sprachtherapeuten vorgestellt. Unregelmäßigkeiten seien bereits im Säuglingsalter feststellbar, meinte Prof. Eberhard Kruse, Phoniatrie und Pädaudiolgie der Universität Göttingen. Bis zum Alter von etwa einem halben Jahr produzierten alle Babys von sich aus ähnliche Laute, egal in welche Sprachumwelt sie aufwachsen. Wenn sie im ersten halben Jahr zu lallen beginnen, verwenden sie die Sprachlaute aus ihrer Umwelt und imitieren dabei auch bereits die Satzmelodie. Tut ein Kind dies nicht, kann dies auf eine spätere Sprachentwicklungsstörung hinweisen.
Entwicklungsverlauf des Kindes betrachten
Kinder, die im Alter von zwei Jahren noch keine 50 Wörter sprechen können, gelten als sogenannte Late Talkers. Ob ein Teil dieser Kinder als Spätentwickler den Rückstand wieder einholen kann, blieb unter den Fachleuten umstritten.
Das Erkennen von Sprachentwicklungsstörungen müsse als Prozess verstanden werden, sagte Privat Dozent Dr. Zvi Penner von Kon-Lab. „Einmalige Tests sagen zu wenig über die Prognose aus“, meinte der Schweizer Wissenschaftler. Wenn es gelingen soll, Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen früher als bisher zu identifizieren, sei es notwendig, den gesamten Entwicklungsverlauf des Kindes zu betrachten.
Eltern als Kommunikationspartner anleiten
Die Referenten lenkten in der Tagung immer wieder den Blick auf die zentrale Rolle der Eltern. Von der Überforderung der Eltern war die Rede. „Was soll ich meinem Kind erzählen?“, fragte mich kürzlich eine Mutter in unserer Sprachstunde, “ berichtete Manfred Flöther. Für den Berater vom Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie in Oldenburg komme es vor allem auf eine Frühintervention und Prävention durch Vernetzung von Eltern, Kindergärten, Kinderärzten und öffentlichem Gesundheitswesen an. „Wir haben heute eine Elterngeneration, die mit weniger sozialen Bindungen aufgewachsen ist. Viele Eltern müssen als wichtigster Kommunikationspartner „angeleitet“ werden, “ sagte Prof. Kruse. Bei den heutigen Elterntrainingsprogrammen ginge es nicht darum, die Eltern zu Co-Therapeuten zu qualifizieren. Denn dann würden die Eltern nämlich ihre Rolle verlieren.
Dr. Penner plädierte dafür, den Focus nicht zu stark auf die Eltern zu lenken, sondern vielmehr auf Kooperation zu setzen, beispielsweise von logopädischen Praxen mit Krabbelgruppen, Krippen und Kindergärten. Flankierend dazu müsse die Bildungsarbeit und die Erzieherinnenausbildung in den Kindergärten verbessert werden, so ein Votum von Sprachexperten aus dem Plenum.
Hinweis:
Ende Juli stehen kassenartenübergreifende, altersbezogene Auswertungen zu Verordnungen logopädischer und sprachtherapeutischer Behandlungen unter www.gkv-his.de im Internet.
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