Hamburg, 13. August 2008
Krankheiten, die von Ärzten, Pharmafirmen und anderen Profiteuren im Gesundheitswesen designt werden, sind auf dem Vormarsch.
Immer häufiger werden kerngesunde Menschen schon im Kindesalter zu vermeintlich Kranken gemacht. Und mit den Pillen "eigentlich die Eltern behandelt, die es mit ihrem lebhaften Kind nicht aushalten", rügt Professor Klaus-Dieter Kossow vom Deutschen Hausärzteverband gegenüber der Nachrichtenagentur DDP. Der Übergang vom lebhaften Kind zum gestörten Kind mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ist fließend und schwer zu diagnostizieren. Und es gibt durchaus behandlungsbedürftige Fälle.
ADHS ist nur ein Beispiel für Leiden, die vor Jahren kaum als Krankheit bezeichnet wären. Der gesellschaftliche Wandel allein dürfte solche Erscheinungen kaum erklären. Auch das Leiden von den unruhigen Beinen, in „Fachkreisen“ Restless-Legs-Syndrom genannt, kann sich in die Krankheitsreihe einordnen, die unter Medizinern höchst umstritten sind.
Beschwerdefreie Gesunde können sich den Angeboten der Krankheitsverkäufer schwer entziehen. „Zum Aufgangspunkt für ärztliches Handeln kann schließlich alles werden, was von Normwerten abweicht oder sich als Vorzeichen solcher Abweichungen finden lässt“, sagt der Leipziger Soziologe Ulrich Bröckling gegenüber der Süddeutschen Zeitung.
Insgesamt sei der Kreis der Personen mit solchen Leiden "extrem ausgeweitet" worden, sagt Eva Susanne Dietrich, Leiterin des Wissenschaftlichen Instituts der Techniker Krankenkasse für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen in Hamburg. Ein Indiz ist die Menge der verschriebenen einschlägigen Medikamente. Der Verbrauch des vorwiegend zur Behandlung von ADHS genutzten Arzneistoffs Methylphenidat stieg laut Bundesopiumstelle von 32 Kilogramm im Jahr 1994 auf 1429 Kilogramm im Jahr 2007, berichtet DDP.
Ray Moynihan von der australischen Universität Newcastle fordert Datenbanken, in denen die Strategien der Krankheitsverkäufer dokumentiert werden. „Wenn man zudem zeigt, welche Kosten durch unnötige Medikalisierung entstehen, würden wohl auch Versicherungen und Politiker endlich aktiver werden.“
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