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Einmaliges Projekt: Frühgeborenen-Studie in Niedersachsen

Hannover, 19. März 2009

Ein Frühgeborenes Kind im Krankenhaus. Foto: BV DfgK
Ein Frühgeborenes Kind im Krankenhaus. Foto: BV DfgK
 

Erstmals in Deutschland wurden 250 kleinste Frühgeborene im Alter von zwei Jahren flächendeckend nachuntersucht.

Eine niedersachsenweite Studie über die Entwicklung und die Chancen extrem kleiner Frühgeborener wurde heute in Hannover vorgestellt. 60 Prozent aller kleinsten Frühgeborenen in Niedersachsen weisen Entwicklungsdefizite auf. 21 Prozent der Kinder gelten als deutlich entwicklungsauffällig, 39 Prozent wurden als auffällig eingestuft und nur 40 Prozent der Kinder sind unauffällig. Das ist das Ergebnis von standardisierten Nachuntersuchungen, die bei überlebenden Frühchen durchgeführt wurden. Durchschnittlich wiegen diese Kinder bei ihrer Geburt nur zwischen 500 und 1 000 Gramm. Bundesweit kommen acht bis neun Prozent der Kinder zu früh auf die Welt. Allein die Krankenhausbehandlung für ein Frühchen kostet die Krankenkasse rund 100 000 Euro im ersten Jahr. 

Bei der Hälfte der im Rahmen der Studie untersuchten Kinder wurden Sprachentwicklungsstörungen festgestellt. Das Risiko, an einer spastischen Lähmung zu erkranken ist bei diesen Frühchen um 130 -fach höher. In die Untersuchung einbezogen wird auch, inwieweit das soziale Umfeld der Eltern eine Rolle spielt. Dass Eltern, die ein Frühchen aufziehen, besonders belastet sind, konnte Silke Mader aus eigener Betroffenheit berichten. Mader ist die Erste Vorsitzende des Bundesverbandes „Das frühgeborene Kind“ e.V.

„Die Langzeitstudie bietet die große Chance, bei allen in Niedersachsen versorgten kleinsten Frühgeborenen mögliche Entwicklungsverzögerungen rechtzeitig zu erkennen und so die richtige Therapie zum richtigen Zeitpunkt einzuleiten. Von Wichtigkeit ist der Aufbau eines Versorgungsnetzwerks, das Frühgeborene und ihre Eltern professionell unterstützt", betont Dr. Wolfgang Voss, Oberarzt im Sozialpädiatrischen Zentrum in Hannover.

Ziel der Studie ist es, mit einer prospektiven Langzeitstudie, an der alle Kinderkliniken und Sozialpädiatrischen Zentren Niedersachsens beteiligt sind, Aussagen über die Entwicklung dieser extrem unreifen Frühgeborenen zu treffen und die Grundlagen für mehr Versorgungsqualität und die Verbesserung ihrer Lebenschancen zu schaffen.

„Im dritten Projektjahr verzeichnen wir eine sensationelle Steigerung der Erfassungsrate auf 85 Prozent der vor der 28. Schwangerschaftswoche geborenen Frühchen“, sagte Dr. Brigitte Sens, Leiterin des Zentrums für Qualität und Management im Gesundheitswesen, einer Einrichtung der Ärztekammer Niedersachsen. Ausgewertet werden Nachuntersuchungsergebnisse der betroffenen Kinder nach sechs Monaten, zwei, fünf und zehn Jahren.

Seit Frühjahr 2009 liegen die Ergebnisse der 2-Jahres-Nachuntersuchungen für die ersten zwei nachuntersuchten Jahrgänge vor. In diesen zwei Jahrgängen (Geburtszeitraum 01.10.2004 bis 30.09.2006) wurden in Niedersachsen 479 Kinder (Frühgeborene kleiner 28 Schwangerschaftswochen) in den Kinderkliniken versorgt. Etwa ein Viertel dieser kleinsten Frühgeborenen verstarben in den ersten zwei Lebensjahren. Rund fünf Prozent der lebend aus den Kinderkliniken entlassenen Kinder konnten aufgrund von Wegzug der Eltern ins Ausland oder in andere Bundesländer nicht nachuntersucht werden. Nur sechs Prozent der kontaktierten Familien gaben keine Einwilligung für die Nachuntersuchung. Insgesamt konnten 255 Kinder nachuntersucht werden.

Finanzieller Hauptförderer der Langzeitstudie sind die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) und Techniker Krankenkasse (TK). „Wir sind von der Studie überzeugt. Nur wenn wir wissen, wo Therapie und  Unterstützung ansetzen müssen, können wir den kleinen Patienten nach ihrem  schweren Start ins Leben helfen“, erklärt Dr.  Elisabeth Siegmund-Schultze, Abteilungsleiterin bei der KKH. „Wir hoffen nun, mit den standardisierten Nachuntersuchungen einen zielgenaueren Einsatz von zum Beispiel Ergotherapie, Krankengymnastik und Logopädie zu erreichen. Wir erwarten nicht nur bei den genannten Maßnahmen einen effizienteren Einsatz, sondern insgesamt eine verbesserte Versorgung und eine verbesserte Lebensqualität und Lebensperspektive der betroffenen Kinder“, betonte Ernst Thiel, Leiter der TK-Landesvertretung Niedersachsen.

Im Herbst 2009 wird die 5-Jahres-Untersuchung starten. „Wir sind bereit, das Projekt auch auf andere Bundesländer auszudehnen“, sagte Dr. Sens. Damit es zum Standardverfahren für alle wird, wollen die Studienakteure vermehrt das Interesse der Politik erzeugen.


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