(01.12.2006)

120 Fachleute diskutieren über die Zunahme psychischer Erkrankungen
Der Krankenstand sinkt immer weiter. Offensichtlich scheint es deutschen Arbeitnehmern immer besser zu gehen. Während die Fehlzeiten in vielen Betrieben zurückgehen, steigt der Anteil psychischer Erkrankungen. Wie Kranken- und Rentenversicherungen, Betriebs- und Sozialmediziner und Arbeitgeber damit umgehen, diskutierten 120 Teilnehmer auf dem Expertenforum der Sozialmedizinischen Expertengruppe 1 (SEG) am 30. November in Hannover.
„Mit dem Krankenstand hat Deutschland kein Problem“, sagte der Sozialforscher Dr. Rienk Prins aus den Niederlanden. Im Vergleich zu anderen Ländern in der EU weise Deutschland im vergangenen Jahr die niedrigste Quote an Krankschreibungen auf. Mittlerweile entfallen aber elf Millionen Arbeitsunfähigkeitstage auf die Diagnose Depression. Nach Angaben der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) kostet das der deutschen Wirtschaft rund vier Milliarden Euro. Angst und Stress am Arbeitsplatz tragen wesentlich dazu bei, dass die Wartezimmer der Psychiater immer voller werden. „Der Kontextfaktor „Arbeitswelt“ ist mittlerweile aus der Ursachenforschung von psychischen Erkrankungen nicht mehr wegzudenken“, sagte Dr. Sabine Grotkamp. Leiterin der SEG 1 beim MDK Niedersachsen.
Fallmanagement Langzeit-Arbeitsunfähigkeit
Krankenkassen und Rentenversicherung wissen dies und haben im sogenannten Fallmanagement Strategien entwickelt, langzeiterkrankte, arbeitsunfähige Versicherte gezielter zu betreuen. Mit Erfolg: Durch ein gezieltes Fallmanagement sind beispielsweise bei der DAK die Krankengeldausgaben innerhalb von vier Jahren um ein knappes Drittel gesunken. „Erste Erhebungen zeigen, dass die Dauer der Arbeitsunfähigkeit fast um die Hälfte verkürzt werden konnte“, sagte Wilfried Koletzko von der DAK. Eine frühzeitige Fallsteuerung in der Sozialmedizinischen Fallberatung (SFB) durch den MDK ist eine aktive Hilfestellung für die Krankenkassen. Dr. Bernhard van Treeck, ärztlicher Gutachter der SEG 1 (MDK Nordrhein), erklärte die Methodik bei lang andauernden psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Eine erweiterte Leistungsdiagnostik durch assessmentgestützte Begutachtung stellte Dr. Jürgen Jonke, ärztlicher Gutachter der SEG 1, an einem Modellprojekt des MDK Westfalen-Lippe dar.
Arbeitgeber in der Pflicht
Nicht nur die Kostenträger seien in der Pflicht, sich um psychisch kranke Arbeitnehmer zu kümmern. Gerade bei lang andauernder Abwesenheit vom Arbeitsplatz „sollten die Arbeitgeber dem Kranken das Gefühl geben, weiterhin gebraucht zu werden“, sagte Dr. Nina Sonntag, Betriebsärztin bei Airbus Deutschland.
Vor allem die Führungskräfte stehen in der Verantwortung. Das machte Dr. Erich Knülle von Ford of Europe klar. „Entscheidend dabei ist ein Umdenkungsprozess, basierend auf der Erkenntnis, dass mit Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit und Zunahme der Arbeitszufriedenheit auch ökonomische Vorteile für das Unternehmen mit verbesserten Wertschöpfungsprozessen, verringerte Abwesenheit und Halten von Wissen und Erfahrung im Unternehmen einhergehen“, sagte Dr. Knülle.
Vorträge der Referenten als PDF:
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