Hannover, 05. November 2008
Wie wird es in Zukunft um die Versorgung von Pflegebedürftigen in Niedersachsen bestellt sein? Mit dieser Frage beschäftigten sich 200 Experten bei einem Symposium am 4. November 2008.
Alternative Betreuungsangebote, die Rolle von ehrenamtlich Tätigen und die Auswirkungen des Demographie-Wandels waren zentrale Themen bei der Tagung der Akademie für Sozialmedizin in Zusammenarbeit mit dem MDK Niedersachsen, dem niedersächsischen Sozialministerium und dem IKK Landesverband Nord.
Prof. Wolfgang Seger, Leitender Arzt beim MDK Niedersachsen und Moderator der Tagung, leitete das Thema ein und wies auf die zukünftigen Veränderungen der Bevölkerung und den damit verbundenen steigenden Anspruch an die Versorgung von Pflegebedürftigen hin. Gleichzeitig machte er deutlich, dass mit dem Altern nicht nur ein Abbau von Leistung, sondern auch ein Zugewinn von Kompetenzen und Erfahrungen verbunden sei. „Ruhe und Inaktivität sind jedoch im Alter zu meiden. Alle verfügbaren Ressourcen müssen zum Einsatz kommen“.
Vision der zukünftigen Pflege
Als erster Referent griff Werner Göpfert- Divivier vom iSPO-Institut für Sozialforschung diesen Gedanken auf. Als 70-jähriger berichtete er von seinen eigenen Erfahrungen und schilderte seine Vorstellungen von der „Vision Pflege 2020“. Für sein Zukunfts-Szenario stellte er alternative Versorgungsformen und Eigeninitiative in den Vordergrund. Nachbarschaftshilfe und gemeinsames Wohnen ersetzten die staatliche Hilfe und den Aufenthalt im Heim. „Der aktuelle Pflegebedürftigkeitsbegriff verliert seine Gültigkeit – Pflege wird in Zukunft nicht mehr in Minuten und Modulen eingeteilt“, erklärte Göpfert-Divivier.
Viele Diskussionsbedarf
In der anschließenden Diskussionsrunde mit Vertretern von privaten und öffentlichen Pflege-Anbietern, aus dem Sozialministerium, der ehrenamtlich Tätigen und des IKK Landesverbandes Nord beschäftigen sich die Referenten und das Publikum unter anderem auch mit dem Thema Pflegestützpunkte, deren Realisierung von vielen skeptisch gesehen wird. „Die Frage ist, wer für eine neutrale Pflege-Beratung in Frage kommt. Ein Anlaufpunkt für Betroffene und Angehörige muss frei von Kundenlenkung und Wettbewerb sein“, sagte Jürgen Kirchberg vom Niedersächsischen Sozialministerium.
Auch die Qualitätskriterien der Pflege sorgten für eine angeregte Diskussion. Bernd Anders vom DRK Landesverband Niedersachsen betonte den positiven Trend des Medizinischen Dienstes, der die Beratung immer mehr in den Vordergrund rücke. Werner Göpfert-Divivier zeigte die Grenzen der Gutachter auf: „Man kann Qualität nicht in eine Institution hineinprüfen.“
Neue Wohnformen
Der Nachmittag stand ganz im Zeichen der Praxis. Ein Schwerpunkt der Vorträge von Petra Schülke – CarePool Hannover, Annette Brümmer – Niedersachsenbüro Hannover und Holger Stolarz – Kuratorium Deutsche Altershilfe Köln, war die Betreuung von Pflegebedürftigen – speziell Demenzkranken – in Wohngemeinschaften. Diese stellten zwar besondere Herausforderungen an die Betreuer, den Wohnraum und Angehörige, erwiesen sich aber als gute Alternative zum Wohnen im Heim. „Wir binden die Bewohner in den Alltag mit ein. Wenn jemand zum Beispiel gut kochen kann, wird er in der Küche eingesetzt. Auf diese Weise finden die Bewohner eine sinnvolle Beschäftigung“, berichtete Schülke.
Ehrenamtliche Helfer als Unterstützung
Alice Fröhlich vom Verein Solidar in Bremerhaven erzählte vom Einsatz Ehrenamtlicher in der Pflege. Mit der Arbeit freiwilliger Kräfte habe sie sehr positive Erfahrungen gemacht und sei stets überrascht von der Bereitschaft zum Engagement. Die Tätigkeit von ehrenamtlichen Helfer sei jedoch begrenzt: „Im Vordergrund stehen natürlich immer die professionellen Pflegekräfte. Ehrenamtliche kümmern sich mehr ‚um die Seele’. Sie nehmen die Rolle als Betreuer ein und leisten so einen sehr großen Beitrag zum Wohlergehen der Pflegebedürftigen“.
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