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Hauptstadtkongress: „Von Piloten lernen“

Berlin, 13. Mai 2011

Medizin und Luftfahrt tauschen sich aus: Martin Dutschek, Projektkoordinator, Dr. Viktor Oubaid, Dr. Peter Hinz und Hans Härting beim Hauptstadtkongress.
Medizin und Luftfahrt tauschen sich aus: Martin Dutschek, Projektkoordinator, Dr. Viktor Oubaid, Dr. Peter Hinz und Hans Härting beim Hauptstadtkongress.
 

Die Luftfahrt hat bei Sicherheitsstandards gegenüber der Medizin die Nase vorn. Davon überzeugten sich am Mittwoch zahlreiche Besucher beim Hauptstadtkongress.

„Ist ein Arzt anwesend?“ Diese Frage kann im Flugzeug im Notfall durchaus gestellt werden. Dass aber bei einem Ärzteforum nach einem Piloten gefragt wird, ist eher selten. Tagungsleiter Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, stellte gestern auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit genau diese Frage. Vertreter des Gesundheitswesens und der Luftfahrt waren zusammengekommen, um über einen möglichen Erfahrungsaustausch zwischen den beiden Bereichen zu sprechen.

Jörg Niemann, Leiter der Landesvertretung Niedersachsen des Verbandes der Ersatzkassen bezeichnete Defizite der Patientensicherheit als ein ernsthaftes Problem, „das wir in anderen Bereichen nicht akzeptieren würden“. Niemann sieht darin ein „Handlungsfeld, dass angepackt werden muss“, zumal fehlende Patientensicherheit für das Gesundheitswesen teuer sei.

Die KKH-Allianz hat tagtäglich mit den Kosten von Behandlungsfehlern zu tun. Um die Fehler zu vermeiden, hat die Krankenkasse zusammen mit dem MDK Niedersachsen ein Patientensicherheitsprojekt gestartet. Auch Vertreter der Luftfahrt sind daran beteiligt. „Wie konnte der Pilot Chesley Sullenberger seinen A320 Anfang 2009 auf dem Hudson River landen und dabei alle Passagiere retten“, fragte Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse. „Weil er gut trainiert war.“ Das ist auch der Schwerpunkt des Projektes, bei dem die Ärzte und das Pflegepersonal unter anderem im Patientensimulator erleben, wie wichtig die Zusammenarbeit im Team und die richtige Anwendung von Checklisten sind. 

Soziale Kompetenz ist entscheidend
Auch die Eignung des Personals wird bei allen angehenden Piloten genau geprüft. Dr. Peter Hinz, Leitender Oberarzt am Uniklinikum Greifswald und Berufspilot, zeigte sich besonders von diesem Aspekt begeistert. „Woher weiß man denn, ob ein Medizinstudent überhaupt geeignet ist, Chirurg zu werden?“ In der Luftfahrt wird nicht nur auf die technischen Fertigkeiten geachtet, sondern auch, ob ein Anwärter die entsprechende soziale Kompetenz mitbringt. „In vielen OPs kommt es immer noch vor, dass ein Assistenzarzt den operierenden Oberarzt nicht einfach so auf einen Fehler hinweisen würde, einfach, weil es die Hierarchie verlangt“, sagt Dr. Hinz.

„Hierarchische Menschen oder solche, die nicht teamfähig sind, haben im Cockpit nichts zu suchen“, sagte Dr. Viktor Oubaid, Luftfahrtpsychologe beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Hamburg. Dr. Oubaid befasst sich seit Jahren mit der Ausbildung von Verkehrspiloten. Untersuchungen von Zwischenfällen in der Luftfahrt haben ergeben, dass die sogenannten non-technical-skills zu den häufigsten Ursachen gehören. Um sicher fliegen zu können, legen die Airlines sehr viel Wert auf die soziale Kompetenz der Piloten.

Beim Thema Sicherheit ist das ganze Team gefragt, ob Oberarzt oder Krankenschwester. Wichtig ist, dass alle mitarbeiten und es nicht von oben herab angeordnet wird. „Hier werden nicht nur die Patienten sondern auch das Personal geschützt“, sagt Hans Härting, Kapitän bei Austrian Airlines und Projektpartner. „Um eine neue Sicherheitskultur in den Krankenhäusern etablieren zu können, müssen wir die Herzen der Mitarbeiter erreichen. Die Sicherheitskonzepte der Luftfahrt sind deswegen so erfolgreich, weil sie den Mitarbeitern die Arbeit erleichtern und sie schützen.“

Projekt Patientensicherheit
In mehreren Modulen werden beim Projekt Patientensicherheit die bestehenden Sicherheitsvorkehrungen im Krankenhaus geprüft. Anschließend werden die von der Luftfahrt inspirierten systematischen Sicherheitsstandards, wie Checklisten und Kommunikationsabläufe, in den Klinikalltag integriert. Erster Teilnehmer des Projektes ist das Nordstadtklinikum Hannover. 


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